Ich habe die Ehre mit Ingrid Brodnig ‚live (Facebook)‘ über Digitalisierung zu sprechen.

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 Ich sitze mit einer Journalistin und Autorin – und sie wird sich selbst vorstellen.

Hallo, mein Name ist Ingrid Brodnig, ich bin Journalistin und Buchautorin und ich bin spezialisiert auf die gesellschaftlichen Auswirkungen des Internets. Also die Frage „Wie verändert die Digitalisierung unser Leben?“ -natürlich auch das Geschäftsleben- und ich habe in den letzten Jahren mehrere Bücher verfasst: „Hass im Netz“ & „Lügen im Netz“ -da geht’s um Hass-Kommentare, um Mobbing und auch um Falschmeldungen im Internet.

Meine erste Frage: Was wäre, wenn es kein Internet gäbe? Wenn es kein Netz gäbe? Wo wären wir jetzt?

Also, ich muss sagen, ich kann mir eine Welt ohne Internet gar nicht mehr so richtig vorstellen. Ich habe als Jugendliche das erste Mal das Web, in der Schule noch, benutzt. Ich weiß nicht, mit vierzehn schätze ich mal. Und ich glaub wir würden -also alles, jeden Raum, den wir betreten, zum Beispiel dieses Kaffeehaus, würde anders aussehen. Weil zum Beispiel Kaffeehäuser, Restaurants ihre Buchung mittlerweile vielfach über das Internet machen. Nicht alle, aber viele. Ich glaub, es wäre eine Spur langsamer. Es wäre manchmal vielleicht eine Spur ruhiger. Ich glaube, wir wären manchmal weniger zerstreut oder so von Informationen überladen, aber auch, manche Informationen hätten wir nicht. Also insgesamt wären wir informationsärmer, ich gebe nur ein Beispiel: Ich lese sehr gern die New York Times, ich habe auch ein digitales Abo und das ist etwas -ohne Internet könnte ich das nicht so leicht. Also insgesamt glaub ich, wir würden natürlich auch riesig viel verlieren ohne dem Ganzen.

Wir wohnen in zwei unterschiedlichen Filterblasen. Was ist Ihre Filterblase?

Ich bin Journalistin und ich muss sagen, meine Filterblase besteht großteils auch aus anderen Journalisten. Das heißt es wird sehr viel einfach über Texte geredet oder über Dinge, die jemand gerade geschrieben oder recherchiert hat. Und dann habe ich auch noch -ich nenne es „eX“- also viele meiner Freunde sind IT’ler oder sehr technikinteressiert. Das heißt, da habe ich wahnsinnig viel und ich merk dann, dass ich zum Beispiel eine Filterblase habe, einerseits natürlich -ist immer die Frage politisch, was nimmt man politisch nicht wahr? Ich bin auch -weil ich dazu recherchiere- in sehr harten, ausländerfeindlichen Gruppen zum Teil. Das krieg ich darüber auch noch mit. Aber was ich nicht mitkriege, ist zum Beispiel -ganz interessant- „Celebrity News“. Also wenn Leute über Kim Kardashian oder was weiß ich erzählen, dann kann ich überhaupt nicht mitreden, weil ich so fern von dem Ganzen bin, das heißt, ich habe mir so eine Filterblase ohne dem gebaut, dass ich manchmal denk, das ist jetzt schon wieder ein Fehler. Also ich versuch dann manchmal sogar irgendwelche Accounts zu abonnieren, die so breit und mainstreamig sind, dass ich das noch irgendwie mitbekomme. Aber natürlich, ich glaub, diese Blasen in denen wir uns befinden, da ist immer die Frage, in wie weit verstärkt das die Technik -das wissen wir noch nicht so richtig- aber eines ist sicher: Der Faktor Mensch ist groß. Das heißt, wir abonnieren tendenziell Seiten, die uns taugen, die uns gefallen. Und tendenziell blenden wir lieber das eine Spur weit aus, was uns nicht gefällt. Ich glaube das geht nicht immer, oder manchmal sehen wir sehr viel, das uns nicht gefällt, aber die Gefahr ist schon, dass man dann ein paar blinde Flecken hat, gerade im Netz.

Okay, das Netz ist ein gutes Stichwort. Wo waren Sie heute schon unterwegs?

Ich habe heute in der Früh -ehrlich gesagt, in der Früh schaue ich mir immer zwei Sachen als erstes an. Zuerst mein E-Mail-Postfach. Dann -in meinem E-Mail-Postfach habe ich sehr viele Newsletter. Das heißt, da war ich dann zuerst auf der Webseite der „Washington Post“, die einen Artikel über Google geschrieben hat. Und dann ist mein zweiter Weg immer zu Twitter und da schaue ich was sich so getan hat. Und da ist die Gefahr, dass ich so ein bisschen „versande“. Also im Sinne von, dass ich sehr lange dort abhänge. Und das war’s im Grunde schon. Ich versuche auch mein zielloses Herumsurfen einzugrenzen. Zum Beispiel: Ich prokrastiniere manchmal viel zu viel, das heißt es ist eine halbe Stunde vergangen und ich weiß gar nicht auf welchen Seiten ich gerade war. Wenn ich arbeite, habe ich so eine App, beziehungsweise eine Erweiterung für den Browser, wo ich ausschalte, ich darf nicht auf Facebook und auch nicht auf Twitter gehen. Und da sanktioniere ich mich quasi selbst, oder schneide ich mich selbst ein und dann schaue ich, dass ich es sehr begrenze und dass ich wirklich arbeite in dieser Zeit.

Die Menschen sind bestätigungssüchtig. Sind Sie auch so ein Mensch? Was kann man dagegen machen?

Ich glaube -also, ja ich bin auch ein solcher Mensch- jeder kennt das, man macht zum Beispiel irgendein Video oder man lädt ein Bild oder irgendeine Geschichte hoch und denkt sich, hoffentlich wird das wahrgenommen. Und wenn’s dann nicht so schön wahrgenommen wird, wie man das gedacht hat, dann ist man irgendwie enttäuscht. Also, diese Bestätigungssucht, glaub ich, kennt jeder der online kommuniziert, zumindest würde ich’s für mich auch so sehen. Gleichzeitig versuche ich, mich davon abzuhalten, mich ein bisschen quasi irre machen zu lassen davon. Zum Beispiel: Ich mach’s mittlerweile so, wenn ich etwas teile -auch etwas, das mir wichtig ist- bin ich danach auch oft ganz absichtlich eine Zeit lang nicht online, weil ich sonst dauernd schau, wie geht denn die Geschichte/wie wird das wahrgenommen?

Also das heißt, ich sanktioniere oder ich halte mich da selbst zurück, um nicht zu neugierig zu sein, um nicht dauernd nachzuschauen was jetzt los ist. Und ich versuche mir oft auch vor Augen zu führen, dass diese Zahlen im Netz nicht die ganze Realität sind. Also natürlich ist es gut, wenn man sichtbar ist und wenn man eine schöne Reichweite hat im Netz, aber wir überinterpretieren solche Zahlen häufig. Ich gebe nur ein Beispiel: Ich habe heuer mit einem Datenspezialisten, namens Luka Hammer, eine Auswertung gemacht von Facebook, von der politischen Debatte, also die Parteien. Und wir sahen, dass eigentlich nur eine Minderheit der Kommentierenden -die den Großteil aller Postings schrieb- also, ungefähr war es so: Ein Viertel der User, die Kommentare schreiben, schrieb dreiviertel der Postings. Und da sieht man, das ist eine Minderheit, die am meisten postet. Und ich glaube wir lassen uns von solchen Zahlen oft beeindrucken und übersehen, dass das nicht Alle sind die wir im Netz antreffen, das ist ein kleiner Teil. Und ich glaub man kann solche Zahlen auch überschätzen, weil man sagt dann Das ist die Meinung des Volkes, oder So sehen das die Leute. Aber ich glaube im Netz, da sind nicht immer die Leute, das ist halt nur ein kleiner Ausschnitt der Bevölkerung. Ich denke mir da manchmal, ich lasse mich von solchen Zahlen gar nicht zu sehr irritieren oder ich blende das manchmal ein bisschen aus, weil man sich auch ein bisschen verrückt machen lassen kann wenn man immer nur auf die Zahlen im Netz achtet.

Vielleicht jetzt eine einfache Frage: Können Hashtags etwas bewirken?

Einfach finde ich diese Frage nicht. Also vielleicht ganz kurz: Hashtags wie #metoo, wo Sexismus angeprangert wird, oder neulich gab’s auch Hashtag #unten, wo’s um Armut geht und um das Leben in Armut. Ich glaube, dass diese Hashtags sowohl überschätzt als auch unterschätzt werden können. Das heißt überschätzt in der Hinsicht, dass ein Hashtag natürlich nicht die Welt ändert. Es wäre falsch zu sagen Jetzt gibt’s #metoo und wir haben das Problem des Sexismus damit jetzt gelöst. Ich glaub, so radikal würde das eh niemand formulieren, aber es gibt eine große Erwartungshaltung. Und sie werden aber auch unterschätzt, weil’s dann oft heißt Ah, is ja nur ein Hashtag – was bringt das schon? Ich glaube aber schon, dass sie eine gewisse Macht haben, weil Hashtags eine Stimme geben. Und wir haben ja eingangs darüber geredet, wie würde das Internet aussehen, oder wie würde die Welt ohne Internet aussehen – Und ich glaube auch, es gäbe vielleicht manchmal weniger Wut, manchmal weniger Aufreger-Themen, aber es gäbe auch weniger Stimmen insgesamt. Und Hashtags zeigen, dass Menschen eine Stimme bekommen können, die früher weniger wahrgenommen worden ist. Sexismus gibt’s immer schon, aber jetzt ist es leichter für Betroffene, das gemeinsam anzuprangern oder sich auch zu finden. Und das ist diese Macht, dass wir einzelne Themen stärker in den Fokus rücken können, die vielleicht früher nicht so lange wahrgenommen worden wären. Nur ein letzter Gedanke dazu: Natürlich ist es so, dass Zeitungen dann ab und zu Artikel über Sexismus schreiben. Nur, die Woche danach heißt es Na, mach ma net noch an Artikel, haben wir eh letzte Woche gehabt. Bei Hashtags ist das egal, da geht’s nicht darum ob man schon darüber geredet hat, solche Hashtags können über längere Zeit hinweg eine Debatte am Kochen behalten, gerade #metoo ist das offensichtlichste Beispiel. Also ein bisschen Macht haben diese Hashtags glaube ich schon.

Sie sind die digitale Botschafterin des Landes. Eine letzte Frage: Was heißt Digitalisierung?

Genau, ich bin ein Digital Champion -im Deutschen wird es auch Digitale Botschafterin genannt. Was heißt Digitalisierung für mich? Ich glaube, wir befinden uns in einer ganz spannenden Phase der Menschheitsgeschichte. Wo jede Sparte, jeder menschliche Ablauf -so erlebe ich’s grad- mit digitalisiert wird. Also von der Frage Wo bestell ich mein Essen? Wo krieg ich das Katzenfutter her? Bis hin zur Frage Wo finde ich meinen Partner? Wie funktioniert Dating? Was weiß ich. Also das heißt, alle Lebensbereiche werden so eine Spur digitalisiert/verändert. Und ich glaube, als Digitale Botschafterin sehe ich die Digitalisierung auch als Herausforderung, dass wir als Gesellschaft darüber reden Was fänden wir denn eine gute Lösung? Weil ich glaube, es gibt nicht die eine Art der Digitalisierung, es gibt immer unterschiedliche Ausprägungen. Und Digitalisierung sollte heißen, dass wir als Gesellschaft darüber reden welches Internet und welche Gesellschaft wir wollen.

Autorin

Dr. Margarita Misheva

Online Podium

Dr. Margarita MishevaTechnical Manager, Online Podium
medien beratung und entwicklung

arbeitet mit selbstständigen Dienstleistern,
die gerne digitale Unternehmungen tätigen wollen.